Naturwaldzelle

Zirbental

Felswände aus Hochstegenkalkmarmor durchziehen die NWZ Zirbental
felsdurchsetzte Lärchenwälder mit eingesprengten Zirben prägen das Bild der Naturwaldzelle
Steilhang-Lärchenwald mit Totholz

Ein stiller Zeuge alpiner Waldgeschichte

Die Naturwaldzelle Zirbental liegt im Ruhegebiet Zillertaler und Tuxer Hauptkamm und ist Teil des Hochgebirgs-Naturparks Zillertaler Alpen. Sie ist damit eingebettet in eine der bedeutendsten Schutzgebietskulissen Tirols.

Am Nordhang zwischen Lachtalalm und Zirbental in Finkenberg schützt der Tiroler Forstverein seit 2025 einen der naturnahesten Bergwälder Tirols — die neu ausgewiesene Naturwaldzelle Zirbental.

Im Rahmen der Ausgleichsmaßnahmen für das Rohstoffabbauprojekt Breitlahner II in Ginzling stellte die Agrargemeinschaft Finkenberg freiwillig einen 12,38 Hektar großen Waldbestand zur Verfügung. Der Tiroler Forstverein übernahm die Betreuung und führte im Sommer und Herbst 2025 die Erstaufnahme durch — eine detaillierte waldökologische Bestandsaufnahme, die als Grundlage für die langfristige Beobachtung der natürlichen Walddynamik dient.

Steilhänge, Lawinen und uralte Bäume
Das Gebiet liegt am schattigen Nordhang oberhalb des Zillertals, geprägt von extremen Geländeformen, Lawineneinfluss und Schneeschub. Die überwiegend alten Bestände aus Lärche, Fichte und Zirbe sind durchschnittlich 130 bis 230 Jahre alt — manche Zirben sogar über 300 Jahre. Die Hauptbaumart Lärche erreicht Höhen von über 32 Metern und Stammdurchmesser von bis zu 78 Zentimetern.

Das dominierende Gestein — grauer Hochstegenkalkmarmor aus dem Oberjura — prägt den Boden und damit die gesamte Artenvielfalt. Überall durchziehen markante Felswände das Waldgebiet, die Böden sind skelettreich und oft extrem steil.

Seltene Waldgesellschaften auf engstem Raum
Was die NWZ Zirbental besonders wertvoll macht, ist das Mosaik verschiedener subalpiner Waldtypen, die sich kleinflächig abwechseln:

  • Karbonat-Lärchenwald mit Grünerle
  • Karbonat-Lärchenwald
  • Karbonat-Alpendost-Fichtenwald
  • Karbonat-Lärchen-Zirbenwald
  • Latschengebüsch
  • Grünerlengebüsch

Der Karbonat-Lärchen-Zirbenwald ist laut Roter Liste der Waldgesellschaften als gefährdet eingestuft. Im gesamten Zillertal sind geschlossene Zirbenbestände heute sehr selten — umso bedeutsamer ist ihr Vorkommen in der neuen Naturwaldzelle.

Bemerkenswert: Im Gebiet wurden bereits Tannen-Naturverjüngungen bis auf 1860 Meter Seehöhe nachgewiesen — ein deutliches Zeichen für den temperaturgesteuerten Aufstieg der Baumarten im Zuge des Klimawandels.

Ein Refugium für Pflanzen, Tiere und Pilze
Mit 143 erfassten Pflanzenarten — darunter Blütenpflanzen, Farne, Moose und Flechten — zeigt die NWZ eine beachtliche floristische Vielfalt. Zwanzig davon stehen unter Schutz, darunter der Türkenbund, die Alpen-Waldrebe, der Schwalbenwurz-Enzian sowie mehrere Orchideen, Steinbrech-Arten und Kryptogamen wie die gelbe Wolfsflechte und Torfmoose. Die strukturreichen Nadelwälder bieten idealen Lebensraum für spezialisierte Vogelarten wie Dreizehenspecht, Birkhuhn, Sperlingskauz und Tannenhäher. Im Totholz finden sich erste Hinweise auf Spechtaktivität — ein gutes Zeichen für die Lebensraumqualität.

Was jetzt passiert — und was noch aussteht
Die Jagdausübung bleibt in der NWZ ausdrücklich erlaubt und erwünscht, da Wildeinfluss — insbesondere durch Gams, Rot- und Rehwild — die Naturverjüngung empfindlich beeinträchtigen kann. In den nächsten Jahren soll die Entwicklung der Tannenverjüngung besonders aufmerksam beobachtet werden.

Für die Zukunft sind weitere Untersuchungen geplant: eine Inventarisierung der Totholzkäfer und Pilze, Vogelerfassungen sowie innovative Methoden wie DNA-Barcoding und Soundscaping. Spätestens in zehn Jahren werden die Aufnahmen wiederholt, um Veränderungen durch den Klimawandel dokumentieren zu können.