Lesedauer: 3 Minuten

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Jagdstrategien für die Schalenwildregulierung

Zonierung statt Gießkanne, Steuerung statt Dauerstress: Zukunftsfähige Jagd braucht klare Ziele, Ruhephasen und Dialog – nicht einfach mehr Abschüsse.

 

Wie kann Jagd unter heutigen Rahmenbedingungen wirksam, fachlich fundiert und gesellschaftlich tragfähig gestaltet werden? Mit dieser Leitfrage versammelten sich beim FUST Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Forstleute und Jäger zu einem ganztägigen Austausch über Schalenwild in der alpinen Kulturlandschaft – und kamen zu bemerkenswert klaren Schlüssen.

Wild reagiert auf den ganzen Lebensraum – nicht nur auf Jagddruck

Ein zentrales Ergebnis der Tagung: Wildtiere passen sich nicht nur an Abschüsse an, sondern an die gesamte Nutzungslandschaft. Tourismus, Forststraßen, Almwirtschaft und der Klimawandel verändern Fluchtverhalten, Äsungsangebot und Aktivitätsmuster – oft stärker als die Jagd selbst. Wer also über Abschusspläne und Waldverjüngung spricht, muss diese Wechselwirkungen mitdenken. In Summe entsteht eine dynamische Risikolandschaft, in der Wild lernt, ausweicht, sich konzentriert oder zunehmend in die Nachtaktivität abgedrängt wird.

Rotwild lebt in Kernbereichen – nicht flächig

Telemetriestudien und Langzeitdaten belegen übereinstimmend: Rotwild nutzt seinen Lebensraum nicht gleichmäßig, sondern schwerpunkthaft. Ein Großteil der Aufenthaltszeit konzentriert sich auf vergleichsweise kleine Kernbereiche, die über Jahre stabil bleiben. Daraus folgt eine wichtige praktische Erkenntnis: Nicht der Gesamtbestand im Revier ist entscheidend für Schäden, sondern die lokale Dichte in sensiblen Räumen.

„Wer solche Hotspots mit dem Gießkannenprinzip bejagt, erreicht häufig nicht die gewünschte Entlastung.“

Eine räumlich kluge Strategie – das gezielte Ansetzen am richtigen Punkt – kann wirksamer sein als eine rein mengenmäßige Erhöhung des Jagddrucks.

Dauerhafter Jagddruck macht Wild schwerer regulierbar

Wird Jagddruck flächig und dauerhaft aufgebaut, sind die Folgen bekannt: Wild wird scheuer, weicht in dichte Bereiche aus, verlagert seine Aktivität in die Nacht und entzieht sich so zunehmend dem Zugriff. Gleichzeitig steigt lokal die Schadensintensität, weil die Tiere genau in jene Zonen gedrängt werden, die forstlich oder ökologisch besonders empfindlich sind. Die Tagung war deshalb einig: Erfolgreiche Strategien setzen weniger auf „mehr Jagd“ als auf „besser gesteuerte Jagd“ – mit klar definierten Bejagungsphasen und konsequenten Ruhephasen dazwischen.

Zonierung: Wo darf Wild sein – und wo nicht?

Als besonders praktikabler Ansatz wurde die räumliche Zonierung diskutiert: jagdliche Ruhezonen, Intervallbejagungsflächen und gezielte Schwerpunktbejagung dort, wo Schäden entstehen. Entscheidend ist dabei nicht nur die Existenz solcher Zonen auf der Karte, sondern ihre konsequente Umsetzung. Schwerpunktbejagung funktioniert nur dann, wenn gleichzeitig klar ist, wo das Wild sein darf – und wenn diese Bereiche für die Tiere erreichbar und attraktiv sind.

Die Frage „Wo darf das Wild nicht sein?“ greift zu kurz, wenn sie nicht durch „Wo soll es sein?“ ergänzt wird. Ohne dieses Angebot entsteht eine Verdrängungsspirale, die das Problem räumlich verschiebt, aber nicht löst.

Sozialstrukturen schützen – Strecke allein reicht nicht

Aus biologischer Sicht wurde betont: Professionelles Wildtiermanagement muss am lebenden Bestand orientiert sein. Bei sozial strukturierten Wildarten sind Leitindividuen und Vermehrungsträger zentral – für die Bestandsentwicklung ebenso wie für stressarmes Verhalten. Jagdstrategien müssen deshalb immer auch die Strukturwirkung ihrer Maßnahmen mitdenken, nicht nur die Summe der Strecke. Dazu braucht es belastbare Daten und ein Monitoring, das über reine Abschusszahlen hinausgeht.

Der „Wald-Wild-Konflikt“ ist in Wahrheit ein Mensch-Mensch-Konflikt

Einer der markantesten Befunde der Tagung: Den viel zitierten Wald-Wild-Konflikt gibt es als solchen nicht. Was es gibt, sind unterschiedliche menschliche Zielbilder für denselben Raum – forstliche Nutzungsinteressen, jagdliche Interessen, touristische Erwartungen, Naturschutzprioritäten. Das Wild wird dabei zum Projektionsraum. Genau deshalb sind Kommunikation, Transparenz und gemeinsam entwickelte Zieldefinitionen so entscheidend. Dort, wo Planung auf Wildtierpopulationsebene gelingt, Jagd in Intervallen organisiert wird und Ruheflächen ernst genommen werden, entsteht ein System, das Waldentwicklung und Wildtierökologie besser miteinander vereinbart.

Jagd allein kann die Probleme nicht lösen

Effizientes Wildtiermanagement braucht mehr als Jagd. Sie ist Teil eines größeren Systems, in dem alle Problemverursacher Verantwortung tragen. Dazu gehören klare gesetzliche Rahmenbedingungen, realistische Zielsetzungen, abgestimmte Landnutzung, frühzeitige Bildung und Aufklärung sowie ein offener Dialog zwischen allen Beteiligten. Manche gesetzlichen Instrumente – verlängerte Jagdzeiten, Schonzeitaufhebungen, Nachtabschuss – können kurzfristig Abschüsse erleichtern, mittelfristig aber die Bejagbarkeit verschlechtern und Sozialstrukturen destabilisieren.

FAZIT DER TAGUNG

  • Nicht „mehr Jagd“, sondern die richtige Jagd – am richtigen Ort, zur richtigen Zeit, mit klaren Zielen
  • Steuerung statt Dauerstress
  • Zonierung statt Gießkannenprinzip
  • Monitoring und harte Daten statt Bauchgefühl
  • Dialog statt Schuldzuweisung

 

Weitere Informationen und das vollständige Tagungsprogramm finden Sie auf der Homepage des FUST.

Interessiert: 100
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