Der Wald wird zum Erfahrungsraum des Wilden – aber Wildheit entsteht nicht zufällig. Sie ist eine Werteentscheidung zwischen Biodiversität, Sicherheit, Erholung und Nutzung. Wo wir Prozesse zulassen und wie wir lenken, so zeigt, wofür wir stehen.
In Folge 1 („Warum der Wald zum Erfahrungsraum des Wilden wird“) ging es um eine Erfahrung, die viele Menschen im Wald suchen: das Gefühl von mehr Natur, weniger Kontrolle, mehr Eigenständigkeit. Wildheit ist dabei oft kein messbarer Zustand, sondern ein Eindruck: Dass nicht alles geplant, berechenbar und „fertig“ wirkt.
Folge 2 setzt hier an: Damit der Wald überhaupt zum Erfahrungsraum des Wilden werden kann, braucht es Entscheidungen – und diese Entscheidungen folgen Werten. Wildheit entsteht nicht nur „von selbst“. Sie wird zugelassen, begrenzt, gelenkt oder bewusst gefördert. Und genau deshalb ist „Wilder Wald“ immer auch eine Wertfrage:
Wie viel Unordnung, Risiko und Prozess akzeptieren wir – und wo ziehen wir Grenzen?
Werte sind der Kompass hinter dem, was wir „wild“ nennen
Werte sind Maßstäbe, nach denen wir handeln: Was soll Vorrang haben? Was soll bleiben? Welche Folgen sind akzeptabel? Im Wald wird das besonders sichtbar, weil Entscheidungen Spuren hinterlassen: Wege, Sperren, Rückegassen, Ruhezonen, „aufgeräumte“ Bestände – oder Bereiche, in denen Totholz liegen bleibt und Entwicklung „passieren darf“.
Dass Wildheit vielen Menschen wichtig ist, ist nicht nur Bauchgefühl. Forschung zur Erholungswirkung und Naturpräferenz betont, dass „Wildness“-Erfahrungen für Menschen an Bedeutung gewinnen können – gerade in einer zunehmend transformierten Welt.
WILD als Erfahrung braucht WERTE als Grundlage
Wenn wir „Wilder Wald“ ernst nehmen, heißt das meist:
- mehr natürliche Prozesse (Zerfall, Verjüngung, Dynamik)
- mehr Strukturvielfalt (Lichtungen, Altbäume, Totholz)
- mehr Lebensräume (für Pilze, Insekten, Vögel)
- weniger „Aufräumen“ als Standardreflex
Damit das möglich wird, müssen bestimmte Werte höher gewichtet werden – etwa Biodiversität, Resilienz, Langfristigkeit oder Eigenständigkeit der Natur. Gleichzeitig stehen daneben andere Werte, die Wildheit begrenzen (oft mit gutem Grund): Sicherheit, Erholung/Zugänglichkeit, Wertschöpfung und Schutz sensibler Bereiche.
So wird nachvollziehbar:
Wildheit ist im Alltag selten „Alles oder nichts“, sondern eine Priorisierung im Werte-Mix.

Wo WILD und WERTE konkret aufeinander treffen
1) Totholz: Biodiversität vs. Sicherheit
Totholz ist ein sichtbares Zeichen von „Wildheit“ – und zugleich ökologisch zentral. Forschung zu Waldstrukturen betont den Biodiversitätswert genau dieser Elemente.
Gleichzeitig kann Totholz entlang stark frequentierter Wege als Risiko wahrgenommen werden. Hier kollidieren Werte: Prozessraum/Vielfalt ↔ Sicherheit/Verantwortung. In der Praxis bedeutet das oft: Wildheit wird räumlich organisiert (mehr Prozess abseits von Hauptwegen, mehr Sicherung an Hotspots).
2) Wege und Infrastruktur: Erlebnis vs. Zugänglichkeit
Viele wünschen sich Wildnisgefühl – und erwarten zugleich Orientierung, Rettungspunkte, stabile Wege. Das ist kein Widerspruch einzelner Personen, sondern ein klassischer Wertekonflikt: Freiheit/Abenteuer ↔ Komfort/Zugänglichkeit. Wildheit als Erlebnis entsteht häufig nur, wenn Besucherströme klug gelenkt werden, damit sensible Bereiche nicht übernutzt werden.
3) Erholung managen: Nutzen ermöglichen, Ressourcen schützen
Gerade dort, wo „Wilder Wald“ als Erlebnisraum funktioniert, steigt Nutzung – und damit Druck. Ein Leitprinzip aus dem Visitor-Use-Management (für öffentlich verwaltete Naturflächen) bringt das Spannungsfeld sehr klar auf den Punkt: „Das Management der Besuchernutzung ist von grundlegender Bedeutung, um die Vorteile für Besucher zu maximieren und gleichzeitig Ressourcen und hochwertige Besuchererlebnisse zu schützen.“
Wildheit braucht also nicht nur „weniger Eingriff“, sondern oft bessere Steuerung: Wo, wann und wie Nutzung stattfindet – und welche Zustände man erhalten will.
4) Nutzung und Wertschöpfung: Regionaler Rohstoff vs. Prozessräume
Holznutzung ist für viele Regionen wichtig. Gleichzeitig lassen sich maximale Produktion und maximale Wildheit selten auf derselben Fläche gleichzeitig realisieren. Auch hier hilft der Werteblick: Nicht „Nutzung ist schlecht“ oder „Wildheit ist Luxus“, sondern: Welche Flächen erfüllen welche Priorität? Ein „Wilder Wald“-Ansatz heißt dann oft: Nutzung dort, wo sie sinnvoll ist – und bewusst ausgewiesene Prozess- oder Strukturflächen dort, wo Vielfalt und Dynamik Vorrang haben.
Konflikte werden lösbarer, wenn wir Werte benennen
Viele Walddiskussionen kippen in „richtig/falsch“. In Wahrheit geht es oft um Wert A gegen Wert B. Drei praktische Prinzipien helfen, Wildheit nachvollziehbar zu machen:
- Werte aussprechen, nicht nur Maßnahmen verteidigen
Nicht nur: „Hier bleibt Totholz liegen.“
Sondern: „Hier hat Biodiversität Vorrang“
- Differenzieren statt Alles-oder-nichts
Wildheit braucht nicht überall denselben Grad. Zonierung, Zeitfenster, Wegführung und Ruheräume verbinden Werte, statt sie gegeneinander auszuspielen.
- Transparenz
Je sichtbarer Eingriffe (oder deren Ausbleiben), desto wichtiger ist Kontext: Warum wird hier geerntet? Warum ist hier gesperrt? Warum bleibt hier Holz liegen?
Übergang zu Folge 3: Warum wir Wildheit im Wald so stark „lesen“
Wenn Folge 1 gezeigt hat, warum der Wald zum Erfahrungsraum des Wilden wird, und Folge 2 erklärt, dass diese Wildheit immer eine Werteentscheidung ist, folgt als nächster Schritt: Woher kommen unsere inneren Bilder davon, was „wild“ überhaupt bedeutet?
Dafür lohnt der Blick in den Märchenwald – als kulturelles Gedächtnis. Denn „wild“ ist nicht nur Ökologie und Management, sondern auch Erzählung, Symbol und Gefühl.
Genau dort setzt Folge 3 („Märchenwald als Kulturarchiv“) an: Welche Werte wir seit Jahrhunderten mit Wald verbinden – und warum Wildheit gleichzeitig Sehnsucht und Zumutung sein kann.
Dieser Beitrag entstand redaktionell in Zusammenarbeit mit ChatGPT (OpenAI). Redaktion, Auswahl und Endfassung liegen bei Georg Mahnke. Die verwendeten Bilder stammen von Unsplash und sind lizenzfrei gemäß Unsplash-Lizenz.