Wild“ heißt: außerhalb der Ordnung. M. Douglas erklärt das gut mit „Dirt is matter out of place“: Schmutz entsteht durch Regeln und Grenzen. „Wild“ war auch Machtwort (Ausgrenzung, Besitz). Heute kann es Mut zum Prozess bedeuten statt Kontrolle.
Was heißt „wild“?
Eine kurze Kulturgeschichte in einfachen Bildern
„Wild“ ist selten nur eine Beschreibung. Es ist ein Urteil. Es sagt: Das passt nicht in die Ordnung, die ich erwarte. Mary Douglas hat das für „Schmutz“ berühmt formuliert:
„Dirt is matter out of place.“
Gemeint ist: „Schmutz“ ist nicht einfach ein Stoff. Es ist etwas, das am „falschen“ Ort liegt. Mit „wild“ passiert oft dasselbe. Wild ist, was aus dem Rahmen fällt.

Wild heißt zuerst: nicht gezähmt
In älteren Wörterbüchern steht „wild“ direkt gegen „zahm“.
Das wirkt banal, ist aber wichtig. „Wild“ beschreibt von Anfang an ein Verhältnis: Wer zähmt, setzt Regeln. Wer „wild“ sagt, denkt diese Regeln mit. Das sehen Sie bis heute in der Sprache:
- Ein Kind ist „wild“, wenn es sich nicht bremst.
- Eine Party ist „wild“, wenn sie Grenzen überschreitet.
- Eine Idee ist „wild“, wenn sie nicht in das Übliche passt.

Wild ist auch eine Rechtsfrage: Wem gehört was?
„Wild“ hängt historisch eng an Besitz, Rechten und Zugriff. Ein klares Beispiel ist das Wort „wildern“: Es bedeutet, ohne Erlaubnis Wild zu schießen – also ein Gesetz zu brechen und fremde Rechte zu verletzen.
Dahinter steckt ein altes Muster: „Wild“ ist oft das, was nicht verteilt ist. Nicht eingezäunt. Nicht zugeordnet. Nicht lizenziert. In dem Moment, in dem etwas geregelt wird, verliert es einen Teil seiner Wildheit.

„Die Wilden“: Wild als Abwertung
Kulturgeschichtlich ist „wild“ nicht nur Natur. Es war lange ein Wort, mit dem Menschen markiert wurden: „die Wilden“. Diese Verwendung gilt heute als veraltet und häufig abwertend.
Das ist mehr als Sprachgeschichte. Es zeigt eine Machttechnik: Wer andere „wild“ nennt, stellt sie außerhalb der eigenen Norm. Und wer außerhalb steht, dem werden leichter Rechte, Bildung oder Stimme abgesprochen.
„Wild“ kann also ein Etikett sein, das Distanz schafft.

Seit der Moderne gibt es auch ein anderes „wild“: Wild als Wert
Im 19. Jahrhundert kippt etwas. „Wild“ wird nicht nur gefürchtet, sondern auch gesucht. Henry David Thoreau schreibt:
„… in Wildness is the preservation of the World.“
Hier wird „Wildheit“ zur Ressource. Nicht, weil sie bequem ist. Sondern weil sie Vielfalt, Überraschung und Eigenlogik bewahrt.
Später kommt die Gegenfrage:
Ist das nicht auch eine Projektion?
Der Historiker William Cronon warnt davor, „Wildnis“ als reinen Gegenraum zur Zivilisation zu idealisieren. Sein Satz ist hart und hilfreich:
„[Wilderness] is a product of that civilization …“
Das heißt: Auch unser Bild vom Wilden ist gemacht. Es entsteht durch Kultur. Es sagt oft mehr über unsere Sehnsucht nach Reinheit und Einfachheit als über die Welt selbst.

Was heißt das für „Wilder Wald“ als Kampagne?
Wenn „wild“ eine Zuschreibung ist, dann kann man damit bewusst arbeiten. Nicht als Romantik. Sondern als Einladung zu einer Haltung:
- „Wild“ macht eine Grenze sichtbar: Was entzieht sich Kontrolle?
Kulturgeschichtlich ist „wild“ oft das Etikett für Dinge, die nicht in eine Ordnung passen. Genau so funktioniert „wild“ häufig: nicht als Eigenschaft an sich, sondern als Konflikt mit Erwartungen.
Der Begriff hilft, ehrlich zu benennen, wo Planung endet und wo Prozesse beginnen. - „Wild“ zwingt zur Ehrlichkeit über unsere Bilder.
William Cronon warnt davor, „Wildnis“ als reine Gegenwelt zur Zivilisation zu romantisieren. Er argumentiert, dass „Wilderness“ auch ein Produkt kultureller Vorstellungen ist.
Der Begriff ist brauchbar, wenn er nicht Fluchtort meint, sondern eine andere Art zu handeln. - „Wild“ ist inzwischen auch ein Arbeitsbegriff in der Forschung – als „Rewilding“.
In der Naturschutz- und Transformationsdebatte steht „Rewilding“ für einen Wechsel: weg von fixen Soll-Zuständen, hin zu funktionierenden Prozessen (Selbstorganisation, Störungen, trophische Beziehungen) und Koexistenz.
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